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Drei NCT Studien sind in die Rekrutierungsphase gestartet

Mit RATIONALE, LEONORA und DEPECA-2 sind seit September 2025 bzw. März 2026 drei große NCT Studien in die Rekrutierungsphase gestartet. Die Projekte adressieren unterschiedliche klinische Herausforderungen: seltene Tumorerkrankungen, die Lebensqualität nach Darmkrebsoperation und chirurgische Komplikationen beim Peniskarzinom. Sie zeigen, wie standortübergreifende klinische Forschung im NCT umgesetzt wird – von der Präzisionsonkologie über translationale Mikrobiomforschung bis zur Weiterentwicklung chirurgischer Verfahren.

Grafik einer Ärztin, die einen Patienten untersucht.

RATIONALE: Präzisionsonkologie für seltene Krebserkrankungen

Beteiligte Standorte:
NCT Heidelberg, NCT Dresden, DKFZ, NCT Berlin,  NCT SüdWest, NCT WERA, NCT West

Seltene Krebserkrankungen sind jeweils mit einer Inzidenz von höchstens sechs pro 100.000 Personen pro Jahr definiert. Zusammengenommen machen sie jedoch rund 24 % aller Krebsneudiagnosen in Europa aus. Viele dieser Erkrankungen sind biologisch wenig verstanden, daher klinisch schwer behandelbar und mit einer ungünstigen Prognose verbunden.

Die Studie RATIONALE untersucht in einem randomisierten Design, wie umfassende molekulare Analysen – einschließlich Genom-, Transkriptom- und Epigenomanalyse – in die klinische Entscheidungsfindung für Patientinnen und Patienten mit seltenen Tumoren einbezogen werden können. 

Rund 950 Patientinnen und Patienten sollen innerhalb von drei Jahren eingeschlossen werden. Herzstück ist ein standortübergreifendes molekulares Tumorboard, in dem Expertinnen und Experten aller sechs Standorte und dem DKFZ Therapieempfehlungen erarbeiten.

Prof. Stefan Fröhling (NCT Heidelberg), Principal Investigator (PI) der Studie, beschreibt die Zielsetzung:
„Mit RATIONALE wollen wir nachweisen, dass eine molekulare Steuerung der Therapie das progressionsfreie Überleben von Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenen seltenen Krebserkrankungen im Vergleich zur Standardbehandlung verdoppeln kann.“

Für Prof. Hanno Glimm (NCT Dresden), ebenfalls PI, geht es darüber hinaus um strukturellen Erkenntnisgewinn:
„Wir sind davon überzeugt, dass wir mit der innovativen Studie RATIONALE neue Forschungserkenntnisse zu seltenen Tumoren gewinnen werden. Für viele Patientinnen und Patienten, denen bisher aus praktischen und wirtschaftlichen Gründen Behandlungsoptionen fehlten, können wir zukünftig einen Unterschied machen.“

Dass eine solche Struktur nur durch enge Abstimmung aller Standorte realisierbar ist, unterstreicht Prof. Dr. Dominik Modest (NCT Berlin): „Die standortübergreifende Struktur des NCT mit sechs Standorten bietet für dieses anspruchsvolle Forschungsfeld klare Vorteile: Wir bündeln die Expertise der Kolleginnen und Kollegen, erreichen schnell hohe Patientenzahlen und können Patientenvertretende optimal in Studiendesign und -durchführung einbinden.“

Die molekularen Analysen aus den beteiligten Zentren werden im Studienprozess zusammengeführt und zeitnah ausgewertet.

Richard Schlenk, PI und Leiter des NCT Clinical Trial Centers in Heidelberg, beschreibt die Leistungsfähigkeit dieser Strukturen so:
„Mit unseren interdisziplinären Teams sind wir in der Lage, innerhalb von vier Wochen aussagekräftige Daten aus Gewebe- und Blutproben zu erhalten und den Patientinnen und Patienten zügig eine maßgeschneiderte Therapie zu empfehlen.“

RATIONALE ist damit nicht nur eine inhaltlich anspruchsvolle Studie, sondern auch ein Stresstest für die standortübergreifende Zusammenarbeit – von molekularer Diagnostik über Tumorboard-Strukturen bis zur koordinierten Rekrutierung.


LEONORA: Lebensqualität nach Darmkrebsoperation systematisch untersuchen

Beteiligte Standorte:
DKFZ, NCT Heidelberg, NCT SüdWest, NCT WERA, NCT West

Während RATIONALE auf molekulare Präzision bei seltenen Tumoren zielt, richtet LEONORA den Blick auf einen anderen klinisch relevanten Aspekt: die Lebensqualität nach kurativer Darmkrebsoperation. Trotz deutlicher Fortschritte in der onkologischen Therapie leiden viele Patientinnen und Patienten langfristig unter Durchfall, Entzündungen oder funktionellen Einschränkungen, die ihren Alltag erheblich beeinträchtigen.

Mit 206 Patientinnen und Patienten ist LEONORA die weltweit größte randomisierte, placebo-kontrollierte Studie und die erste aus Deutschland, die gezielt untersucht, ob Synbiotika die gastrointestinale Lebensqualität nach einer Darmkrebsoperation verbessern können. Neben klinischen Parametern werden auch Veränderungen des Mikrobioms sowie immunologische und metabolische Marker analysiert.

Privatdozentin Dr. Lena Biehl, Ko-Leiterin der Studie, war maßgeblich an der Entwicklung von LEONORA beteiligt und verantwortet die Umsetzung am NCT West in Köln. Für sie markiert der Start der Rekrutierung den Übergang von der konzeptionellen Arbeit in die klinische Praxis. Verdauungsprobleme oder Einschränkungen bei der Ernährung gehören für viele Betroffene zu den langfristigen Folgen einer Darmkrebsoperation. Biehl erläutert den Ansatz der Studie so:

„Viele Patientinnen und Patienten haben nach einer solchen Operation Verdauungsbeschwerden oder vertragen bestimmte Lebensmittel schlechter. Wir vermuten, dass Veränderungen der Darmflora dabei eine wichtige Rolle spielen und sich durch einen gezielten Aufbau des Mikrobioms Verbesserungen erreichen lassen.“

Auch aus Patientensicht steht der Beitrag zur Forschung im Vordergrund. Studienteilnehmerin Corinna H. sagt:
„Wenn ich irgendetwas dazu beitragen kann, dass es irgendwann anderen Betroffenen besser geht, dann nehme ich gern an der Studie teil.“

Für den Initiator und Leiter der Studie, Prof. Dr. Ben Schöttker (DKFZ), liegt die besondere Stärke der Studie in der Verbindung eines klar patientenrelevanten Endpunktes zur Lebensqualität mit klinische Forschung zu den molekularen Mechanismen.

„Gerade weil unser primärer Endpunkt, die gastrointestinale Lebensqualität, ein patientenberichteter Endpunkt ist, kommt der Auswahl eines validierten Fragebogens und einer sorgfältigen Studienplanung für möglichst vollständige Daten eine besondere Bedeutung zu“, erläutert Schöttker.

Die begleitende molekulare Forschung soll darüber hinaus helfen zu verstehen, warum sich die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten verbessert. LEONORA verbindet damit präklinische Forschung und translationale klinische Forschung – mit einem Studienziel, das unmittelbar auf die Lebensrealität der Betroffenen abzielt.

Einen Fernsehbeitrag zur LEONORA-Studie finden Sie in der ZDF-Mediathek unter folgendem Link:
https://www.zdfheute.de/video/volle-kanne/probiotika-gegen-darmkrebs-100.html


DEPECA-2: Chirurgische Innovation beim Peniskarzinom prüfen

Beteiligte Standorte:
NCT SüdWest, NCT Berlin, NCT Dresden, NCT Heidelberg, NCT WERA

Beim Peniskarzinom entwickeln rund ein Drittel der Patienten Lymphknotenmetastasen. Die offene inguinale Lymphadenektomie gilt als Standard - dabei werden die betroffenen Lymphknoten operativ aus der Leiste entfernt. Dieses Verfahren geht jedoch bei bis zu 50 % der Patienten mit schweren Komplikationen einher. Wundheilungsstörungen, Infektionen oder langwierige Heilungsverläufe verzögern nicht selten weitere Therapien.

DEPECA-2 untersucht randomisiert, ob eine roboter-assistierte Technik die Komplikationsrate deutlich senken kann – bei gleicher onkologischer Sicherheit. 80 Patienten sollen eingeschlossen werden. Die Studie wird im Rahmen des NCT OCT2 Programms mit 1,8 Millionen Euro gefördert. 

Studienleiter Prof. Igor Tsaur (NCT SüdWest, Universitätsklinikum Tübingen) beschreibt die klinische Motivation so:
„Für viele Patienten ist nicht nur der Krebs selbst, sondern auch die Behandlung eine enorme körperliche und psychische Belastung. Deshalb brauchen wir neue chirurgische Ansätze, die onkologisch sicher sind und gleichzeitig die Komplikationsrate deutlich senken.“

Am Standort WERA bringt Prof. Bernd Wullich (Universitätsklinikum Erlangen) seine chirurgische Expertise ein. Er freut sich darauf, dass es nun los geht: „Ich bin sicher, dass die DEPECA-2-Studie ein game changer wird und die klassische Lymphadenektomie zukünftig durch die robotische Technik ersetzt werden wird.“

Neben klinischen Endpunkten werden in der Studie auch patientenberichtete Outcomes erfasst, um Komplikationen, Erholungszeit und Lebensqualität systematisch zu bewerten. Bereits in der Entwicklungsphase der Studie war die Patientenvertretung eingebunden, um die Perspektive der Betroffenen frühzeitig in das Studiendesign einzubringen.

Udo Ehrmann, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Prostatakrebs Selbsthilfe e. V., war als Patientenvertreter an der Ausarbeitung des Studienprotokolls beteiligt. Er beschreibt den Ablauf so:
„Ich wurde als Patientenvertreter angefragt und habe Studiensynopse und Protokoll aus Patientensicht geprüft. Die identifizierten Optimierungspunkte habe ich anschließend mit den Studieninitiatoren diskutiert – viele davon wurden in das Studienprotokoll übernommen. Solche Formen der Patientenbeteiligung halte ich für sehr wertvoll; gezielte Qualifizierungsangebote können Patientenvertretende zusätzlich dabei unterstützen, ihre Erfahrungskompetenz wirksam einzubringen.“

Im gesamten Studienprozess sollen weitere Patientenvertreter als Forschungspartner zur Weiterentwicklung der Studie beitragen.


Vom Strukturaufbau zur Umsetzung

Mit RATIONALE, LEONORA und DEPECA-2 zeigt das NCT, dass die standortübergreifende Struktur tragfähig ist. Sechs Standorte und das DKFZ arbeiten in gemeinsamen Studien, rekrutieren bundesweit, diskutieren Fälle interdisziplinär und binden Patientinnen und Patienten verbindlich ein.

Die erste Phase war der Aufbau. Jetzt läuft die Umsetzung.

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